Mittwoch, 7. Juni 2017

Gigasteps und die Erinnerungen an die Zukunft: "Alles ist CIM" (1987)

 In gewisser Weise war dies ein Fehldruck, weil der Name Gigatrends bereits belegt war und dann in der nächsten Ausgabe in Gigasteps umgewandelt wurde. Leider überstand dieser Brief nicht mehr die Jahrtausendwende. Wahrscheinlich wollte das neue Jahrtausend nicht wissen, dass seine IT-Leute sich vor allem mit ollen Kamellen beschäftigen - und als völlig neu verkaufen möchte. Raimund Vollmer, Autor von Gigasteps








Dienstag, 30. Mai 2017

Heute ist Weltuntergangstag...

... und seit 65 Jahren habe ich an diesem 30. Mai Geburtstag. Denn schon in meiner Kindheit sangen die Leute: "Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang." Für mich bedeutet der heutige Tag, dass ich - zumindest virtuell - meinem Rentenalter sehr, sehr nahe, gefählich nahe gekommen bin. Seit einigen Jahren bewegt mich indes eine Generationenfrage: Was vermachen wir eigentlich intellektuell unseren Kindern und Enkeln? Und da ich das Privileg hatte, seit 1975 als Journalist in der IT-Branche arbeiten zu dürfen, also in einer Branche tätig war, die meint, an der vordersten Front der technologischen Entwicklung zu stehen, habe ich mich gefragt: Was hat diese Branche dazu beigetragen, dass es uns so geht, wie es uns heute geht. So habe ich angefangen, all die Ereignisse zu rekapitulieren, deren Zeitgenosse ich sein durfte. Es sind nicht meine Memoiren. Es geht hier nicht um das, was ich erlebt habe, sondern um das, was um mich herum geschah. Nun schaue ich auf das zurück - und habe das Gefühl, dass wir bei weitem nicht so gut waren, wie wir uns zeitweilig fühlten. So entstand diese Vorbemerkung, mit der ich heute - am Weltuntergangstag - mal ein wenig den Vorhang lüften möchte, auch auf die Gefahr hin, dass im Publikum niemand sitzt.

Journalyse-Quelle: Raimund Vollmer

Samstag, 27. Mai 2017

1979: Die Frage nach dem Silicon Valley

1979: »Wo gibt es in Europa etwas Ähnliches wie das, was sich in der Nähe des M.I.T.* oder in Kalifornien im sogenannten 'Silicon Valley' ereignet hat, wo neue selbständige Unternehmen für neue Produkte der Halbleiter-Industrie wie Pilze aus der geschossen sind?«
Herbert Giersch, Leiter des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel

Kommentar: Wir warten immer noch auf eine Antwort. 

*Massachusetts Institute of Technology

Montag, 22. Mai 2017

Software: Fehler lohnen sich (Spässle gemacht)



1989: "Wenn Du den Umfang eines Programms um 50 Prozent erhöhst, steigt der Aufwand, um Fehler zu beseitigen, um 100 bis 150 Prozent."
Jon Shirley, Microsoft

Montag, 17. April 2017

Das Wort zum Ostermontag

Über das Selbstbestimmungsrecht der Völker
"Kollektive Rechte dienen in aller Regel der Unterwerfung von Menschen, nicht ihrer Befreiung, Sie sind einer der großen Irrtümer des 20. Jahrhunderts," schrieb 1989 Ralf Dahrendorf, einer der klügsten Köpfe der letzten 50 Jahre. "Der Kern zivilisierter moderner Gesellschaften liegt in ihrer Fähigkeit, Menschen unterschiedlichen Geschlechts und Alters, Herkunft und Kultur gleiche Rechte zu garantieren. Es ist eine traurige Tatsache, dass unterschiedliche Gruppen dies schlechterdings nicht fertigbringen; nicht zuletzt darum ist die Teilung von Ländern im Namen des Selbstbestimmungsrechts eines der großen Themen der Zeit. Es wäre abwegig zu leugnen, dass es in einigen Fällen andere Lösungen praktisch nicht gibt. Aber das rechtfertigt die traurige Tatsache nicht, dass das Selbstbestimmungsrecht ein Instrument der Entzivilisierung und Barbarisierung ist, ein Zeugnis der Unfähigkeit zur Freiheit in Vielfalt. Es wird Zeit, dass es aus dem Wortschatz der internationalen Politik verschwindet."
Journalyse-Quelle: Die Zeit, 28. April 1989, Ralf Dahrendorf: "Nur Menschen haben Rechte"



Freitag, 24. März 2017

Rück-Click 1975_ Über Computer

Wenn man diese mehr als 40 Jahre alte Anzeige der IBM liest, dann fragt man sich, was dieses ganze Trara um die Digitalisierung eigentlich soll. Die Litanei der Veränderungen, die sich hier andeutet, hat sich in den letzten vier Jahrzehnten unentwegt und ziemlich evolutionär fortgesetzt. Die Arbeiterschaft, die seit 100 Jahren mit der Automatsierung der Arbeitswelt fertigwerden muss, hat in den siebziger Jahren - in geradezu heroischer Form - die Digitalisierung gemeistert. Dabei waren sie ohne Abitur, ohne Fach- oder Hochschulausbildung, oftmals hatten sie ihren Beruf noch vor dem Krieg gelernt - und sie haben die Veränderungen gemeistert, ohne dass eine Hannover Messe deshalb dasraus ein Event machen musste. Heute wird so getan, als ob wir wunderswas leisten müssen, um den Wandel zu bewältigen. Damals wie heute waren es die Bürohengste, allen voran die Führungskräfte, die am meisten Angst vor dem Wandel hatten. Sie hatten auch den größten Nachholbedarf, als in den 80er Jahren der PC anrollte. Das Handy schien ihnen dann eingangs des 21. Jahrhunderts die Kontrolle über alles und vor allem jeden zurückzugeben - und so managen sie sich und ihre Mitarbeiter auch. Übers Handy. Übers Gehör und über Textnachrichten. Wenn sie stattdessen einmal das benutzen würden, was sie zwischen den Ohren haben, würden sie feststellen, dass sie hinter ihren Mitarbeitern emotional und intellektuell weit zurückliegen. Technisch Avantgarde zu sein, was sie an der Typennummer ihres Smartphones zu belegen versuchen), ist kein Ersatz für den Gebrauch des eigenen Verstandes - und für Zivilcourage. Aber das ist ein ganz anderes Thema - es stünde unter der Überschrift: "Über Manager"...

Donnerstag, 2. März 2017

Rück-Click 1998: Die Bank als Kathedrale



1996: "Die Branche brachte den Leuten bei, bei einem Bankenbesuch an Marmorhallen zu denken, die fast schon an Kathedralen erinnerten. Nun erzählen wir den Menschen, dass es in Ordnung ist, wenn sie zuhause beten. Aber wir haben zu verstehen, dass unser Produkt, also Geld, eine Menge soziologische Überlagerungen besitzt, die wir nicht einfach hinwegfegen können, indem wir die Sicht auf unser Geschäft ändern."
Martin Taylor, Vorstandschef der britischen Barclays Bank

Mittwoch, 1. Februar 2017

Der VW Skandal: Warum sind die Wolfsburger eigentlich noch nicht pleite?

Der Abgasskandal hat sich inzwischen auf eine Schadenssumme von etwa 25 Milliarden Dollar für VW aufsummiert, berichtet das Wall Street Journal. "Wie kann man soviel Geld zahlen, ohne Pleite anzumelden", meint einer der Leser. Es ist nun der "unschuldige Aktionär, der die Rechnung zu bezahlen hat", meint ein anderer. Ein dritter Leser wird drastisch und zitiert ein fiktives Statement, das er in Deutsch niederschreibt: "Der Grund dafür ist, dass wir ein Haufen Scheißköpfe sind." Ein anderer entrüstet sich über die Höhe der Strafe im Vergleich zu dem, was die Kunden bekommen: "Die Regierung bekommt zehnmal mehr als die Kunden". Auch nicht schlecht, möchte man mit erhobener Augenbraue hinzufügen. Ein anderer fragt sich, ob VW nun die anstehenden Rückkäufe aus ihrer Verkaufsstatistik rausnimmt - was ihre Position als Nummer 1 oder 2 am Weltmarkt gefährden könne.
Mehr denn je ist Volkswagen eine Lachnummer - da kommt Bosch gut weg: 325 Millionen Dollar kostet den schwäbischen Zulieferer der Vergleich, der zu zahlen ist für die Software, die den Schwindel möglich machte. Natürlich ist dies nicht mit einem Schuldeingeständnis verbunden, sondern mit dem Wunsch, endlich Ruhe zu haben.

Speicherpreise 1977: Ein 16-K-Memory kostete 575 Dollar

... und brachte damit den Preis pro Megabyte auf 36.800 Dollar. In 4-K-Schritten war das Megabyte billiger: 23.000 Dollar. Aber was für ein Vergleich mit 1957. Wer damals sich den Luxus leisten wollte, seinem Rechner einen megamageren Hauptspeicher zu gönnen, hätte
für 1 Megabyte 411 Millionen Dollar in 1957
hinlegen müssen.
Und nun zählen Sie mal die Milliarden, die unter der Hülle Ihres Smartphones schuften.

Sonntag, 29. Januar 2017

Siemens 1981: Technologische Lücke zu den USA sei geschlossen,...

... behauptete vor 35 Jahren der Siemens-Experte Ernst Hofmeister auf dem 5. Wissenschaftsforum des Institut der Deutschen Wirtschaft. Nach einer Untersuchung des Verbandes der Deutschen Ingenieure (VDI) seien 70 Prozent aller Produktgruppen im deutschen Maschinenbau für den Einsatz der Mikroelektronik prädestiniert. Dies ergab eine Umfrage bei 1000 Ingenieuren. Nur fünf Prozent der Geräte seien allerdings mit einer elektronischen Steuerung ausgestattet. Immerhin gaben 56 Prozent an, dass sie sich in einer Planungs- und Entwicklungsphase befänden.
Kommentar: 35 Jahre später sehen sich die Unternehmen immer noch inmitten der digitalen Transformation - und reden seit 1994 von "disruptiven Technologien". Ganz schön viel Kontinuität in der Disruption... (Raimund Vollmer)

Samstag, 28. Januar 2017

Bitkom-Vorgänger 1996: "Digitalisierung fast abgeschlossen"

Was sich seit 1999 Bitkom nennt, war vor zwanzig Jahren noch der gemeinsame Fachverband Informationstechnik von VDMA und ZVEI. Damals wie heute war Bernhard Rohleder, jetzt Hauptgeschäftsführer des Bitkom, einer der Akteure und Denker in diesen IT-Thinktanks. Beim Wühlen im Archiv fand ich eine Schrift von 1996, in der das Thema "Digitalisierung" eher bescheiden auftaucht und als "fast abgeschlossen" eingestuft wurde. Im Hintergrund hört man das Getöse der etablierten Institutionen, die sich offensichtlich die ansonsten überall in der Weltpresse schon damals gefeierte Revolution durch das Internet haben kaum vorstellen können. Dass man sich heute - es sind immerhin 20 Jahre vergangen - im Bitkom und im BDI mit der Digitalisierung intensiv beschäftigt, ist natürlich ein gewaltiger Fortschritt. Und wieder hört man im Hintergrund das instiututionelle Grollen. Denn Digitalisierung heißt in Deutschland "Industrie 4.0", eine ziemlich national gesonnene Ambition, mit der man sich im weltweiten Vergleich voraus weiß. Damit will man überdecken, dass man in den Konsumentenmärkten der Digitalisierung hoffnungslos abgeschlagen ist. Optimieren durch Digitalisieren - das ist der deutsche Mut. Zu mehr reicht es nicht. Und wenn wir dann doch mal das Geschäftsmodell ändern müssen, dann gehe Du, Amerika, erst einmal voran. Das ist seit dem Ende des 2. Weltkrieges die Parole, nach der hierzulande Industriepolitik gemacht wird. Da ist es doch ganz gut, wenn nun nationales Denken wieder in den Vordergrund tritt. Da kann man seine eigenen Schwächen noch besser verstecken...
(Raimund Vollmer)
1996: "Die Digitalisierung macht möglich, große Mengen von Daten, Bildern oder anderen Informationen vollkommen ohne Qualitätsverlust und mit hoher Geschwindigkeit zu bearbeiten, zu kopieren, zu übertragen und anzuzeigen. Diese Entwicklung ist mir der digitalen Telefonie, z.B. über ISDN, sowie mit der bevorstehenden flächendeckenden Einführung von digitalem Rundfunk und Fernsehen sowie der digitalen Sprach und Bildbearbeitung fast abgeschlossen." 
Aus: Wege in die Informationsgesellschaft - Status quo und Perspektiven im internationalen Vergleich, Fachverband Informationstechnik von VDMA und ZVEI, Heft 65, Redaktion Bernhard Rohleder

Montag, 16. Januar 2017

Vision 1955: Die Fabrik der Zukunft ist das Büro...




... oder besser gesagt der Computer. Das wusste irgendwie schon vor mehr als 60 Jahren der österreichische Computerpionier Heinz Zemanek. In der Zeitschrift "Radiotechnik" schrieb er damals:

1955: "Bei der automatischen Fertigung liegen alle Daten des Betriebes kodisiert vor, in Lochkarten oder sonst einem Speicher - ganz so wie sie für die automatische Buchhaltung benötigt werden. Es fällt daher nicht schwer vorauszusagen, dass in der automatischen Fabrik von morgen ein Unterschied zwischen Werkshalle und Papierhaus nicht mehr bestehen wird. denn auch der Verkehr zwischen den Betrieben untereinander  und mit den Behörden wird auf den gleichen Speichermethoden basieren. Neben der elektronischen Rechenmaschine, die den Fertigungsgang steuert und korrigiert, wird eine zweite stehen, die allen Papierkram erledigt, ja, es wird vielleicht eine einzige Rechenmaschine sein."
Wenn wir also unseren Zukunftsforschern zuhören oder den Hohepriestern des Silicon Valley oder der Fernsehkanäle, dann sollten wir daran denken, dass wir momentan nichts anderes tun, also die Vorstellungen unserer Vorfahren zu erfüllen. Wo aber sind unsere Träume und die unserer Kinder? Eigentlich haben unsere Ahnen schon alles vorgedacht, was jetzt nur noch gemacht werden wird. Ist die Geschichte der Zukunft bereits zu Ende? (Raimund Vollmer)

Sonntag, 15. Januar 2017

BIG DATA - EIN URALTES THEMA DER WIRTSCHAFT...



1954: "Die Verwendung von Rechengiganten in den Wirtschaftsunternehmungen ist keine kleine Aufgabe. Während bei wissenschaftlichen Aufgaben die Komplikation des Rechenvorgangs vorherrscht, bestimmen in der Wirtschaft die riesigen Datenmengen die Eigenschaften der Maschine, der Rechenvorgang selbst ist meist sehr einfach. Die Betriebssicherheit musste auf 98 Prozent getrieben werden, damit eine effektive Anwendungszeit von 85 Prozent entsteht. Dieser Unterschied entsteht dadurch, dass bei 98 Prozent der Rechenzeit richtiger Gang trotzdem jene an sich richtigen Resultate verlorengehen, die nach der Neueinstellung wiederholt werden müssen."

Heinz Zemanek, österreichischer Computerpionier

Donnerstag, 12. Januar 2017

Königliche Kopfjäger - was Manager (vielleicht) von Monarchen lernen könnten...

»Menschen achte ich den größten Reichtum.« 
Friedrich Wilhelm I., König von Preußen (1688-1740)

Vorbemerkung: Beim Stöbern in alten Manuskripten fiel mir dieser kleine Bericht in die Hände, den ich Anfang der achtziger Jahre geschrieben habe. Dahinter muss eine Auftragsarbeit gestanden haben, dessen Hintergrund ich vergessen habe. Aber dieser Artikel erinnerte mich daran, dass im Gefolge der industriellen Revolution die entstehenden Unternehmen in ihrer Organisation den Staat und das Militär als Vorbild genommen hatten. So mancher Manager, der sich mit üppigen Salären und anderen Ehren königlich bedienen lässt, sollte sich ein Beispiel nehmen an der Bescheidenheit der preußischen Vorbilder. Übrigens hatte schon ihr größter Lehrer, der Managementpapst Peter F. Drucker, Bescheidenheit für die größte und wichtigste Tugend einer Führungskraft gesehen. Raimund Vollmer

Ein Preuße war es, der als erster im Menschen »den größten Reichtum» dieser Erde sah, und der wie kein anderer diesen Reichtum rigoros für sich ausbeutete. Ein Preuße war es, der zum größten Kopfjäger avancierte und damit zum erfolgreichsten Topmanager seiner Zeit. Ein Preuße war es, der Verbrechern und Taugenichtse in hochmotivierte Mit¬ar¬beiter verwandelte, die bereit waren in ihrem Job sogar ihr Leben zu riskieren, sich voll und ganz mit dem Unternehmen identifizierten und zu absoluten Spitzenleistungen fähig waren. Der Name dieses Supermanagers lautet Friedrich Wilhelm I., auch der »Soldaten¬könig« genannt.
Er war Herrscher über einen Gemischtwarenkonzern, der unzählige Fabriken besaß und zwar »alle Gattungen von Wolle-, Eisen-, und Leder-Manufakturen. Neben dem Posten des Vorstandsvorsitzenden war er auch Chef des Aufsichtsrats. Er war also Chief Executive Officer und Chairman in einer Person. Dabei besaß er im Vergleich zu diesen modernen angelsächsischen Gegenstücken die uneingeschränkte, absolute Macht. Als er 1713 die Geschäfte in dem verschuldeten Staat übernahm, lag der Umsatz seines Konzerns bei 14,4 Millionen Goldmark. Als er sie 1740 an seinen Sohn, Friedrich den Großen, abgab, hatte er den Umsatz auf 22 Millionen Goldmark gesteigert. Mit einer Eigenkapitalquote von 37 Prozent stand das Unternehmen namens Königreich Preußen recht gesund da, zumal die acht Millionen Goldmark in Fässern aufbewahrt und als Notpfennig jederzeit liquide waren. Zudem verfügte die Company über ein beträchtliches Umlaufvermögen. So hatte der »Soldatenkönig« 21 prall gefüllte Kornmagazine anlegen lassen, die Vorläufer unserer heutigen Getreidesilos. Damit war die Ernährung seiner Beschäftigten jederzeit gesichert.
Dabei hatte er die Zahl der Mitarbeiter in seiner Amtszeit von 1,6 auf 2,2 Millionen erhöht. Dahinter stand nicht so sehr ein Anschwellen der Geburtenrate, sondern vielmehr die Anstrengungen seiner Kopfjäger, die im Ausland Führungskräfte und Spezialisten rekrutiert hatten. »Wenn es an Tuchmachern fehlet, so muß man dieselben in Görlitz, Lissa und Holland vor Geld anwerben«, empfahl 1722 der Chef des Preußen-Konzerns seinem General-Direktorium, dem General-Ober-Finanz-, Kriegs- und Domänen-Direktorium (G.O.F.D. und D.D.), das für die Personalbeschaffung zuständig war.
Wie man diese Leute am besten anwarb, hatte der Staatschef unter Punkt 10 seiner »Instructionen« klar bestimmt: »Um einen tüchtigen Gesellen anzuwerben, kaufet man demselben einen [Web-]Stuhl und giebet ihm ein hiesiges Mädchen zur Frau, das Lagerhaus aber schießet ihm die Wolle vor, dadurch kommt der Geselle zu Brot, etablieret eine Familie und wird in so weit sein eigner Herr; da dann nicht zu glauben, daß er große Mühe kosten werde dergleichen Leute zu engagieren und dieselben nach Unseren Landen ziehen.«
Das war pure Angebotspolitik. Sie war aber auch begleitet von rigorosem Protektionismus (»Keinen Groschen außer Landes!«). Die Einfuhr von Baumwolle, die nicht im Inland hergestellt werden konnte, hintertrieb er durch das Verbot von Kleidern, Schürzen und Mützen aus Baumwollstoffen. Das Verbot wurde sonntags von den Kanzeln der Kirchen verlesen. Zugleich betrieb er einem massiven Ausbau des Beamtenstandes. Um diesen bezahlen zu können, sicherte er sich das Salzmonopol und erfand andere Formen der Einnahmen. Statt des Lehnspferdes, das der Ritteradel zu stellen hatte, verpflichtete er die Feudalherrn dazu, jährlich 40 Taler zu zahlen. Die Domänen, die bislang in Erbpacht weitergegeben wurden, ließ der König einziehen und vermietete sie nur noch für sechs Jahre. So bekam er einen höheren Pachtzins. Nichtsdestotrotz war die Strategie sehr erfolgreich.
Kaum sind die qualifizierten Fachkräfte engagiert, werden sie - noch ehe die Firma richtig steht - an einen Webstuhl geknebelt, verheiratet und zur absoluten Seßhaftigkeit verurteilt. Maschinen und Mädchen - das waren die Sozialleistungen und Stock Options von damals, mit denen man die Mitarbeiter hielt. Friedrich Wilhelm I. wußte nur zu genau, daß man nicht nur neue Leute ködern, sondern auch halten muß. Und das funktionierte weniger durch Geld als durch gute »Sozialleistungen«. So empfahl der geschäftstüchtige König: »Mit den Strumpfmachern muß es auf diese Weise angefangen werden, und kann man dieselben in Hamburg, in der Schweiz, in Hessen und zu Frankfurt a.M. anwerben«, nannte er auch zugleich die Personalmärkte.
Noch erfolgreicher war der »Soldatenkönig« in dem Geschäftssegment, dem er schließlich seinen Spitznamen zu verdanken hatte: im militärischen Komplex. Sein Heer wuchs von ehedem 38.000 auf 85.000 Mann. Es war damit die drittgrößte Heeresmacht in Europa. Das Einfangen von wehrtüchtigen Mitarbeitern im Inland war ein reichlich brutales Geschäft: »Wenn 50 Rekruten geliefert werden sollen, gehen 100 außer Landes«, hieß es damals. Doch das Ausland bot kaum Rettung vor dem Zugriff der Kopfjäger. Denn auch hier waren sie unterwegs, um mit äußerst fragwürdigen Methoden Rekruten zu werben.
Trotzdem schuf Friedrich Wilhelm I. aus Taugenichtsen und Verbrechern das beste Heer der Welt, das über erstklassige Soldaten verfügte. So waren sie in der Lage, in Weltrekordzeit ihre Gewehre zu laden und abzufeuern. Sechs Schuß in der Minute - das machte ihnen keiner nach. Dieser Mann, den Personalberater auf ein persönliches Jahresgehalt von mehreren Millionen Euro taxieren würden, hatte seinen eigenen Job geerbt. Niemand hatte ihn angeworben. Er war in seine Aufgabe hineingeboren worden. Er war ein Manager von Gottes Gnaden und fühlte sich dennoch zuvörderst seinen Untertanen verpflichtet.
Hatte sich Friedrich Wilhelm I. primär auf die Inlandsproduktion konzentriert, so erkannte sein Sohn, Friedrich der Große, dass der Vertrieb nicht minder wichtig war. »Will man irgendeine Manufaktur anlegen, die Bestand haben soll, so muß vor allem ein Kaufmann ausfindig gemacht werden, der sie übernimmt; denn der Fabrikant kann nicht arbeiten und zugleich seine Ware verkaufen. Ferner richtet der kaufmännische Unternehmer das Augenmerk darauf, daß der fertige Stoff den Vorschriften entspricht, was den Absatz erleichtert.« Qualitätssicherung war also für den Nachfolger bereits ein wichtiges Thema. »Nichts schädigt den Handel so sehr, wie der Mangel an Reelität, falsches Ellenmaß und dergleichen Schwindeleien.« Auch Friedrich der Große verstand sich auf die königliche Kunst der Abwerbung. Während seiner Dienstzeit als Topmanager wuchs Preußens Gloria, also die Einwohnerzahl, von 2,2 auf 5,5 Millionen im Jahr 1786.
»Die Ansiedlung der Arbeiter hat mir große Ausgaben verursacht«, sah Friedrich der Große in den neuen Bürgern ein gigantisches Investitionsprogramm, das indes dem Land einen ungeahnten Aufschwung bringen sollte. Um die Kosten »mit der Zeit zu vermindern, halte ich den Arbeitern 40 Lehrlinge auf meine Kosten und er¬setze sie durch andere, sobald sie Meister werden.« So erreichte er eine Mobilität auf allen Ebenen. Mit welcher mathematischer Präzision der Hohenzollern-König seine Fachkräften-Akquisition betrieb, zeigt ein Beispiel: »Bei Prüfung der Lage der Wollmanufakturen habe ich in Erfahrung gebracht, daß die Unternehmen allgemein über Mangel an Spinnern klagen. Um dem abzuhelfen, lassen sie in Sachsen für mich arbeiten. Um gründlich zu verfahren, stellte ich Ermittlungen über diese Verhältnisse und über die Zahl der Wollspinner an, die bei uns leben könnten. Alles in allem ergab sich eine Zahl von 60.000 Seelen. Ich war über diese Entdeckung erfreut. Hier bot sich ein Mittel zur Bevölkerung des Landes. Sofort traf ich Maßnahmen, um Wollspinner zu bekommen und anzusiedeln. Sollen sie ihr Auskommen haben, so müssen sie ein Haus, ein Gärtchen und genug Weideland besitzen, um zwei Kühe zu halten. Ich habe Kolonisten aus Sachsen, aus Polen und selbst Mecklenburg herangezogen, habe sie angesiedelt bei Potsdam und Köpenick, in der Neumark, in Pommern, bei Oranienburg und mit Hilfe der Amtleute in vielen Dörfern. Alles, was ich tun kann, ist jährlich 1000 Familien anzusiedeln. Die Familie zu fünf Köpfen gerechnet, sind zwölf Jahre erforderlich, um die Zahl 60.000 zu erreichen.«
Die Kopf-Rechnerei und -Jägerei war also eine königlich-hoheitvolle Aufgabe. Denn es ging um die seit jeher wichtigste Ressource. Es ging um Menschen. (Raimund Vollmer)